Wo Nachbarschaft zur Freundschaft wird
Sandra Walther und Incoronata Strazzella sind nicht nur Nachbarinnen. Sie teilen Gartenmomente, kulinarische Entdeckungen und Alltagserlebnisse – und setzen sich gemeinsam für ein aktives Siedlungsleben ein. Eine Geschichte über Verbundenheit und Freundschaft.
Verbundenheit entsteht im Alltag
Nachbarschaft ist eine stille Vereinbarung, die niemand unterschreibt. Sie entsteht nicht durch Verträge, sondern durch Nähe – räumlich wie menschlich. Tür an Tür zu wohnen bedeutet noch nicht, sich wirklich zu kennen. Erst im Gespräch und im alltäglichen Austausch entwickelt sich eine Verbundenheit, die über ein blosses Miteinander hinausgeht.
Dort, wo Menschen einander wahrnehmen, entsteht Gemeinschaft – und daraus wächst manchmal Tieferes: Freundschaft. Sie zeigt sich in zufälligen Treffen, kurzen Gesprächen oder gegenseitiger Unterstützung. Diese unscheinbaren, beinahe beiläufigen Momente machen das Leben verlässlicher, wärmer und menschlicher.
Aus einem Ort wird ein Zuhause
Eine gute Nachbarschaft lebt davon, dass Menschen den ersten Schritt wagen. Wo Vertrauen wächst, verändert sich die Qualität des Wohnens. Aus einem Ort wird ein Zuhause.
Wohnbaugenossenschaften kommt hier eine besondere Rolle zu. Sie schaffen nicht nur Wohnraum, sondern gestalten Lebensräume bewusst. Ihre Architektur, gemeinschaftlichen Flächen und Strukturen fördern Begegnungen. Ihre eigentliche Stärke liegt aber tiefer: im genossenschaftlichen Gedanken selbst – in Solidarität, Mitverantwortung und dem Bewusstsein, dass Wohnen mehr ist als ein privates Gut.
Engagement stiftet Identität
Bewohnende in einer Wohnbaugenossenschaft können mitgestalten und mitentscheiden. Überall dort, wo sich Menschen beteiligen – in Siedlungskommissionen, genossenschaftlichen Projekten oder thematischen Initiativen – entsteht ein lebendiges Netzwerk. Auf diese Weise wird eine Wohnbaugenossenschaft zu einem sozialen Raum, der Sicherheit gibt, Identität stiftet und Lebensfreude ermöglicht.
Wie Nachbarschaft konkret zur Freundschaft werden kann, zeigt die Geschichte von Sandra Walther und Incoronata Strazzella. Als die beiden von ihrem Gartensitzplatz auf den Rasen zeigen, können sie sich ein leichtes Schmunzeln nicht verkneifen. Dieser Fleck Erde steckt voller Erinnerungen.
Das Fussballfeld im Garten
Auf diesen Grashalmen befand sich einst das Epizentrum der Leidenschaft ihrer jüngsten Söhne: das Fussballfeld. Das Treten gegen den Ball hat über all die Jahre Spuren hinterlassen – mit dem makellosen Rasen des legendären Wembley-Stadions hat die Grünfläche heute wenig gemein.
«Die Jungs hätten am liebsten rund um die Uhr im Garten Fussball gespielt, und wenn es nach ihnen gegangen wäre, hätten wir sogar ein Flutlicht für sie installieren müssen», sagt Incoronata Strazzella.
Der Garten war die Fussballarena der Kinder und der Gartensitzplatz die Tribüne der Eltern. Dort trafen sich die berufstätigen Mütter regelmässig, beobachteten das Spielgeschehen, lachten über die Energie ihrer Söhne und tauschten sich über den Alltag aus. Durch dieses Ritual entstand eine Verbindung, die über Nachbarschaft hinausgeht – eine Freundschaft, die seit mittlerweile sechzehn Jahren besteht.
Wurzeln geschlagen in der Gemeinschaft
Die Sozialarbeiterin Sandra Walther lebt mit ihrem Partner und ihren zwei Söhnen seit 20 Jahren in der Schwamendinger Siedlung. Für die 55-Jährige ist der Sunnige Hof mehr als eine Wohnadresse – sie hat hier Wurzeln geschlagen. Die 53-jährige Bankangestellte Incoronata Strazzella zog mit ihrer Familie vor 16 Jahren ins Nachbarhaus ein. Für beide rückblickend ein Glücksfall.
Die Architektur der Siedlung, die grosszügigen Grünflächen und das genossenschaftliche Umfeld begünstigen alltägliche Begegnungen. Zwischen den Gärten der beiden Familien gibt es keine klaren Grenzen – nur Rasen, Sträucher sowie viel Platz zum Spielen und Verweilen.
«Das Leben in unserer Siedlung ist manchmal wie auf einem Campingplatz», sagt Sandra Walther.
Durch die spontanen Treffen im Garten, vor der Haustür oder auf dem Vorplatz entwickelte sich rasch eine besondere Vertrautheit.
«Wir sprechen über fast alles, über die kleinen wie auch die grossen Sorgen – und natürlich gehört auch ein Kaffee dazu», sagt Incoronata Strazzella.
Freundschaft geht durch den Magen
Mit der Freundschaft zu Incoronata Strazzella hat sich für Sandra Walther auch eine neue Welt der Kulinarik eröffnet. Incoronata Strazzella stammt aus Süditalien – genauer gesagt aus der Region Neapel. Durch ihren Umzug brachte sie nicht nur ihre Familie in die Schweiz, sondern auch ihre traditionellen süditalienischen Gerichte.
Wenn der Pizza- oder Pastaduft aus ihrer Küche ins Nachbarhäuschen zieht, kommt Sandra Walther schnell auf den Geschmack:
«Die Gerichte riechen so lecker, dass ich mich kurzerhand selbst gern als Vorkosterin anbiete.»
Teller mit frisch zubereiteten Speisen wandern über den Garten, neue Rezepte werden ausprobiert, kulinarische Entdeckungen geteilt. Die Küche als verbindendes Element der Nachbar- und Freundschaft.
Wenn sich Gegensätze ergänzen
Für Incoronata Strazzella ist Gastfreundschaft selbstverständlich – und diese Wärme und Herzlichkeit beeindrucken Sandra Walther, genauso wie die mediterrane Spontaneität und Lebensfreude. Nichts wirkt hier inszeniert, alles entsteht aus dem Moment heraus.
Die gebürtige Italienerin ihrerseits schätzt die Besonnenheit ihrer Nachbarin und Freundin:
«Ab und zu bin ich wie ein Vulkan. Deshalb brauche ich jemanden an meiner Seite, der ruhiger, überlegter und gelassener ist», sagt Incoronata Strazzella.
Beiden prägen Offenheit und Ehrlichkeit ihre Freundschaft. Gemeinsam engagieren sie sich in der Siedlungskommission Schwamendingen: Die Süditalienerin als Obfrau, Sandra Walther als Finanzverantwortliche. Als Tandem bringen sie neue Ideen ein, organisieren Aktivitäten und setzen sich für ein aktives Siedlungsleben ein.
Mut und Offenheit als erster Schritt
Ein Geheimrezept für gute Nachbarschaft kennen die beiden Frauen nicht.
«Genossenschafter*innen, die sich mehr Austausch wünschen, müssen bereit sein, den ersten Schritt zu machen. Alles beginnt mit Mut und Offenheit», sagt Sandra Walther.
Für Incoronata Strazzella gehören auch Toleranz und Respekt dazu. Gute Nachbarschaft entsteht oft unspektakulär – bei einem Kaffee im Garten oder einem kurzen Gespräch im Treppenhaus. Und manchmal wächst daraus ein tieferes, zwischenmenschliches Band.
