Die Präsidentin von Wohnbaugenossenschaften Schweiz Eva Herzog über die Rolle von Wohnbaugenossenschaften als Antwort auf die Wohnungsnot und als Chance für neue Wohnformen.
Frau Herzog, was bedeutet das internationale Jahr der Genossenschaften für Sie?
Die Vereinten Nationen wollen mit dem Jahr der Genossenschaften auf die nachhaltige Wirkung von Genossenschaften auf der Welt aufmerksam machen. Es ist wichtig, den Genossenschaften in der Schweiz bewusst zu machen, dass wir Teil einer weltweiten Bewegung sind, die wirklich etwas bewirkt – und es ist eine gute Gelegenheit, auf die grosse gesellschaftliche Bedeutung der Wohnbaugenossenschaften in der Schweiz aufmerksam zu machen. Gerade jetzt, in der
aktuellen Wohnungsnot. Wohnbaugenossenschaften sind eigentlich die Einzigen, die Lösungen zu bieten haben. Wir dürfen ruhig etwas lauter und selbstbewusster sein!
Wann sind Sie selbst erstmals in Berührung mit einer Wohnbaugenossenschaft gekommen?
Ich habe die Wohnbaugenossenschaften als Regierungsrätin von Basel-Stadt kennen und schätzen gelernt. Damals habe ich intensiv mit den Wohnbaugenossenschaften zusammengearbeitet. Primär ging es darum, preisgünstigen Wohnraum zu erstellen. Fasziniert hat mich von Anfang an die Breite des Themas: von der Architektur über Energiefragen bis zu den Konzepten, die hinter dem Baulichen stehen. Weshalb wählt man die Genossenschaftsform? Wie will man
zusammenleben? Was sind gemeinsame Flächen, was persönlicher Rückzugsraum? Wie gestaltet man das Umfeld? Wie handhabt man Mitbestimmung,
und wie organisiert man sich so, dass Entwicklungen nicht blockiert werden?
Weshalb sind Genossenschaften aus Ihrer Sicht denn so wichtig?
Genossenschaften orientieren sich nicht an Profitzielen, sondern an den Bedürfnissen der Menschen. Sie können neue Wohnformen ausprobieren, zum Beispiel in Form von gemeinschaftlichem Wohnen oder Mehrgenerationenwohnen. Die Wohnbedürfnisse ändern sich im Laufe des Lebens: Menschen werden älter, die Kinder ziehen aus. Man möchte in eine kleinere Wohnung ziehen und Platz machen für Familien, aber seinen Wohnort und das Nachbarschaftsnetz nicht verlassen. Man möchte allein wohnen, benötigt aber ab und an Unterstützung. Man möchte Wohnen und Arbeiten verbinden
oder braucht Platz für Gäste oder einen Werkraum für das Hobby. In Genossenschaften geht das alles, mit Wohnungsrochaden innerhalb der Siedlung, mit Räumen, die man teilen oder ab und zu nutzen kann, ohne dass man viel Wohnraum belegen muss. Genossenschaften entwickeln hier innovative Konzepte und können zum Labor werden für gesamtgesellschaftliche Lösungen. Und das Wichtigste, was ich aber bewusst erst am Schluss erwähne, weil Wohnbaugenossenschaften viel mehr bieten als das: In Genossenschaften profitieren die Menschen von günstigen Mieten und hoher Wohnsicherheit.
Wie nehmen Sie die politische und gesellschaftliche Akzeptanz der Genossenschaftsidee wahr?
Wohnbaugenossenschaften geniessen generell sehr viel Goodwill in der Bevölkerung, dies zeigen Umfragen immer wieder. Sie stehen aber auch stark unter Beobachtung. Beispielsweise bezüglich ihrer Vermietungspraxis. Weil es viel zu wenige Genossenschaftswohnungen gibt, wird rasch der Vorwurf der Klüngelwirtschaft laut. Das hat meiner Meinung nach besonders mit der aktuellen Wohnungsnot und der Knappheit des Angebots zu tun.
Befördert die angespannte Situation den Neid?
Es gilt als privilegiert, wer das Glück hat, in einer Genossenschaft zu wohnen. Das war nicht immer so. Das hat mit Halbwissen und Vorurteilen
zu tun: Viele setzen Genossenschaftswohnungen mit Sozialwohnungen gleich. Das stimmt nicht. Natürlich können Genossenschaften einen kleinen Teil subventionierte Wohnungen anbieten, welche an strenge Vermietungsvorschriften gebunden sind. Die Genossenschaftswohnungen sind aber per se nicht subventioniert. Sie sind so preisgünstig, weil mit Land sowie Immobilien kein Gewinn erwirtschaftet und auch keine Spekulation betrieben wird. Wäre das System des genossenschaftlichen Wohnens sowie der Kostenmiete weiter verbreitet, hätten wir ein viel geringeres Problem mit explodierenden Mieten.
Welche Instrumente brauchen Genossenschaften, um ihre gesellschaftliche Verantwortung besser wahrzunehmen?
Zum einen braucht es finanzielle Förderung, besonders als Starthilfe für junge Genossenschaften. Der Fonds de Roulement, aus dem gemeinnützige Bauträger zinsgünstige Darlehen beantragen können, hat sich bewährt. Auch die Bürgschaften für die Emissionszentrale EGW sind ein wirksames Instrument: Dank der Verbürgung durch den Bund kann die EGW am Kapitalmarkt zu äusserst attraktiven Konditionen finanzielle Mittel aufnehmen und den gemeinnützigen Bauträgern zu günstigen Finanzierungen verhelfen. Bei beiden Instrumenten ist die Nachfrage rekordhoch, und bei beiden stehen bald neue Rahmenkredite an. Wir fordern vom Bundesrat, dass diese angesichts der aktuellen Wohnungsnot genügend aufgestockt werden. Dafür werde ich mich im Parlament einsetzen. Das kostet den Bund keinen Rappen und bringt mehr als weitere runde Tische gegen die Wohnungsnot. Wenn sie mehr bauen wollen, brauchen Genossenschaften auch Zugang zu geeigneten Grundstücken. Deshalb sind auch raumplanerische Massnahmen wie Mindestanteile oder Zonen für preisgünstige Wohnungen sinnvoll. Wichtig wäre auch ein Vorkaufsrecht, wie es derzeit in Zürich zur Diskussion steht, damit Gemeinden Land für gemeinnützige Wohnbauprojekte erwerben können.
Welchen Beitrag leisten Wohnbaugenossenschaften zur sozialen Integration und Stabilität?
Einen grossen! Gerade an begehrten Lagen mit hohem Preisniveau wirken Wohnbaugenossenschaften der Verdrängung schwächerer Bevölkerungsgruppen entgegen. Viele Wohnbaugenossenschaften engagieren sich zudem für die Integration von Menschen, die auf dem Wohnungsmarkt benachteiligt sind. Damit tragen
sie zur sozialen Durchmischung und zum sozialen Frieden bei. Den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern auch genossenschaftliche Mehrgenerationensiedlungen, wo Jung und Alt unter einem Dach wohnen und sich dort gegenseitig unterstützen. Zudem ermöglichen die Genossenschaften gemeinschaftliche Aktivitäten und nachbarschaftliche Kontakte und wirken so der Einsamkeit entgegen.
Was wünschen Sie sich für das Genossenschaftsjahr 2025?
Dass der Verband und die Branche noch aktiver, noch sichtbarer werden und im Wohnungsmarkt und in der öffentlichen Wahrnehmung die Bedeutung erhalten,
die ihnen zusteht. Ich bin immer wieder verblüfft, dass das genossenschaftliche Wohnen die Antwort auf die aktuellen Probleme und Fragestellungen
ist. Ich verstehe nicht, warum man dies in den Städten und Gemeinden nicht noch mehr sieht. Besonders bürgerliche Politikerinnen und Politiker scheinen die Gewinninteressen von Investoren höher zu gewichten als die Bedürfnisse der Bevölkerung, die verzweifelt nach einer bezahlbaren Wohnung sucht. Doch langsam
ändert es sich. Zum Beispiel ist interessant zu beobachten, dass Tourismusgemeinden, die in der Regel keine linken Hochburgen sind, nun aktiv werden – weil sie zusehen müssen, wie Einheimische und Angestellte der Hotels keine Wohnungen mehr finden. Der viel gelobte Markt richtet es offenbar
nicht! Daher ist meine Vision für die Zukunft des gemeinnützigen Wohnens: Es ist Zeit, dass das genossenschaftliche Wohnen vom Labor zum Mainstream wird.